Cheng-Yen Yu – „Geopoetics: Plant Memory and Fictional Archaeology“
Am Samstag, 16.5.2026 um 12:30 Uhr gibt unser Stipendiat Cheng-Yen Yu einen Einblick in sein laufendes künstlerisches Forschungsprojekt „Geopoetics: Plant Memory and Fictional Archaeology“.
In seiner aktuellen künstlerischen Praxis untersucht Cheng-Yen Yu Pflanzen als materielle und kulturelle Träger, die sich zwischen Bild, Erinnerung und spekulativer Archäologie verorten. Durch eine Praxis, die auf materieller Malerei und reliefartigen Konstruktionen basiert, werden Pflanzenformen nicht als Objekte der Darstellung betrachtet, sondern als Strukturen, durch die Wissen, Geografie und zeitliche Erfahrung akkumuliert und transformiert werden. In der Arbeit mit Kalziumkarbonat, Erde, Ton, Mineralien, Fossilien, Perlmutt und Baumaterialien entwickelt Yu vielschichtige Oberflächen, die geologischen Querschnitten und archäologischen Fragmenten ähneln.

Innerhalb des Projekts wird „Erinnerung“ nicht nur als Bewahrung der Vergangenheit verstanden, sondern auch als generative Struktur, die in der Lage ist, mögliche Zukünfte zu projizieren. Basierend auf diesem Verständnis übernimmt die Arbeit die „fiktionale Archäologie“ als methodischen Rahmen und positioniert zeitgenössische Materialien und Pflanzenformen als spekulative Artefakte der Zukunft. Reliefartige Gemälde entstehen als quasi-archäologische Objekte, in denen Spuren ökologischer Kreisläufe, kultureller Sedimentation und imaginärer Geschichten koexistieren.
Der Körper und der materielle Prozess spielen in Yus Praxis eine zentrale Rolle. Durch Schichtung, Sedimentation, Rissbildung und Akkumulation betont die Arbeit die physische Interaktion zwischen Körper und Materie und lässt Pflanzenformen durch materielle Transformation statt durch direkte Darstellung allmählich entstehen. Die so entstehenden Oberflächen oszillieren zwischen Wiedererkennung und Verfremdung und verlagern die Wahrnehmung vom Bild hin zur materiellen Zeitlichkeit.

Gleichzeitig reflektiert die Arbeit die Instabilität von Wissenssystemen. Institutionelle Disziplinen wie Botanik, Archäologie und Geologie überschneiden sich mit verkörperten und lokalen Wissensformen, die aus der gelebten Interaktion mit Land und Umwelt stammen. Durch diese Spannung offenbart das Projekt sichtbare Spuren von Verdrängung, Übersetzung und Fragmentierung, die im kulturellen Gedächtnis eingebettet sind.
Die Präsentation bietet Einblick in einen fortlaufenden Prozess künstlerischer Forschung, der durch transregionale Residenzerfahrungen in Griechenland, Taiwan, Shanghai, Deutschland und dem Vereinigten Königreich geprägt wurde. Sie versteht künstlerische Praxis als einen archäologischen und materiellen Prozess, durch den persönliche und kollektive Erfahrungen ausgegraben werden, während gleichzeitig die Beziehung zwischen Material, Erinnerung und Zukunftsvorstellungen erforscht wird.
FOTO 1: Künstlerporträt, Cheng-Yen Yu, 2026, The Swatch Art Peace Hotel Artist Residency, Foto: Ziying Wang.
FOTO 2: Geopoetics-Serie – Edelweiß (Schweiz), Enzian (Taiwan), Magnolie (Shanghai) und Krokus (Vereinigtes Königreich), Cheng-Yen Yu, 2026, 180 x 480 cm, Mischtechnik auf Leinwand – Foto: Ziying Wang.
FOTO 3: Spirituelle Fossilien – Stein der Weisen Nr. 6, Cheng-Yen Yu, 2025, 70 x 70 cm, Mischtechnik auf Leinwand – Foto: River Art Gallery
